Es gibt immer wieder Debatten im Netz in denen jemand zugeflamed wird, weil er keinen Realname angibt. Besonders oft findet sich dieses seltsame Verhalten im deutschen Usenet, obwohl es sich mittlerweile auch aufs IRC ausbreitet. Interessanterweise scheint diese Verhaltensweise auf deutschsprachige Bereiche des Netzes beschränkt zu sein.
RFC1855, Netiquette Guidelines, ist da ziemlich explizit. In Sektion 4.1.2 findet man folgenden Abschnitt:
If a user is using a nickname alias or pseudonym, respect that user’s desire for anonymity. Even if you and that person are close friends, it is more courteous to use his nickname. Do not use that person’s real name online without permission.
Also, warum wird so viel Aufhebens um fehlende realnames gemacht? wieso werden Leute diskriminiert, nur weil sie ihren Realname nicht angeben?
Eine der witzigsten Begründungen ist ja, dass es demjenigen nicht schadet seinen Realname anzugeben, also soll er das doch bitte tun. Es schadet allerdings auch dem Leser nicht sich einfach mit dem Namen zufriedenzugeben den derjenige sich ausgesucht hat. Es ist ja egal warum sie den realname nicht angeben – es schadet niemandem, wenn man das einfach respektiert.
Dazu passend sagen einige, dass sie wissen möchten, mit wem sie da gerade reden. Nun, wenn sie das wissen wollen, sollen sie doch fragen. Am besten per Mail oder Query, denn der User will vielleicht seinen Namen nicht unbedingt preisgeben. Stattdessen wird dieser Mensch zugeflamed.
Ich habe mir mal den Spaß erlaubt, nach einigen flames im Usenet die From-Adresse als »Ech 'forcer' Tername« anzugeben. Solange das da stand, hat mich keiner geflamed. Irgendwann war mir das zu blöd und ich habs wieder rausgenommen. Kurz darauf bekam ich wieder die ersten Flames. Das hat mir eines gezeigt: Die meisten Leute interessiert nichtmal, was genau da steht, hauptsache derjenige hat sich (scheinbar) an die Regeln gehalten.
Es kann niemand prüfen ob der angegebene Realname auch stimmt. Wenn da jemand »Hubert Müller« reinschreibt, kann ihm niemand sagen, dass das falsch ist. Von daher hilft es nichts auf den Realname zu bestehen. Wenn jemand seinen Realname nicht angeben möchte, tut er das nicht. Wenn jemand wissen möchte mit wem er redet ist es sogar schädlich so auf den Realname zu bestehen. Ohne Realname weiß man wenigstens, dass der andere diesen nicht zeigen will – wenn da »Egon Schmidt« steht kann das genauso falsch sein, man weiß immer noch nicht mit wem man redet, und ist sich nichtmal darüber bewusst, dass man den Realname nicht kennt. Da man jeden Namen der dort auftaucht zulassen muss, kann man sich auch gleich mit einem nickname zufriedengeben.
In de.newusers.infos wird wöchentlich die »Netiquette für "de.*"« gepostet. Sie ist auch im Web auf zu finden.
In diesem schönen Dokument finden wir den folgenden Abschnitt:
14. Benutzen Sie Ihren wirklichen Namen, kein Pseudonym!
In der Mailboxszene und bei einigen Internet-Anbietern verbergen die Nutzer ihre wahre Identität hinter einem Pseudonym und schreiben manchmal Dinge, die sie sich sonst nicht erlaubt hätten. Aufgrund der negativen Erfahrungen, die viele Leute im Netz mit den Trägern solcher Pseudonyme gemacht haben, sollten Sie Ihre Artikel mit Ihrem wirklichen Namen (“real name”) versehen.
Das ist die Ursache für all diese Flames. Weil in der Netiquette steht, dass es böse ist, wird jeder, der keinen Realname angibt, als Idiot behandelt.
Die Begründung ist allerdings interessant. Es gibt also scheinbar Leute, die nerven. Diese geben meist keinen realname an. Daher soll bitte sehr jeder seinen Realname angeben, da man sonst mit diesen Leuten verwechselt wird. Mir drängt sich der Vergleich auf dass man bitte keine schwarzen Klamotten tragen soll, weil so viele Diebe schwarz tragen, und man mit diesen verwechselt werden könnte.
Der Hinweis ist OK, damit neu-User diese Vorgeschichte auch kennen. Aber dann darauf zu bestehen und das mit Beleidigungen und flames durchzusetzen halte ich nicht für sinnvoll.
Weiterhin finden wir in der »Netiquette für "de.*"« folgenden Absatz:
Pseudonyme bzw. Anonymous-Remailer bieten übrigens keinen Schutz, wenn man dem Netz oder seinen Teilnehmern schaden oder wenn man Straftaten begehen will. Wie bei den meisten elektronischen Medien ist im Ernstfall eine nachträgliche Rückverfolgung möglich.
Das stimmt nicht ganz. Wenn man will kann man durchaus anonym sein, allerdings ist das um einiges schwerer als die meisten glauben. Aber viele Leute, die ihren Realname nicht angeben tun dies nicht um anonym zu bleiben, sondern weil sie sich einen Namen selbst ausgesucht haben – eben ihren Nickname/Spitznamen. Es wäre schön, wenn man respektieren könnte, dass diese Leute es bevorzugen mit ihrem Spitznamen angeredet zu werden, anstatt sich auf den Realname zu versteifen. Das muss auch nicht unbedingt unhöflich sein, denn der Spitzname ist meist der Name, den die Freunde für einen verwenden.
Womit wir bei der letzten Begründung für die Angabe des Realname wären: Es sei höflich seinen realname anzugeben. Ist es das wirklich? Wieso? Weil es so in der »Netiquette für "de.*"« steht? Weil irgendwer irgendwann mal gesagt hat, das gehört so? Mir fällt wirklich kein guter Grund ein.
Im Gegenteil, es ist verdammt unhöflich die Wünsche eines Mitmenschen nicht zu respektieren und ihn zu beleidigen, nur weil man sich seltsame Regeln ausgedacht hat und dieser sich nicht daran halten will.